Reinhard Marx über neue Chancen für Christen

Bischof Marx hatte noch im Oktober 2007 vor dem Berliner Feldmark-Forum über neue Chancen für Christen gesprochen. Aus Anlass seiner Amtseinführung als Erzbischof von München und Freising am 2. Februar wiederholen wir den Bericht über die Veranstaltung im Atrium der Deutschen Bank, den Hartwig Bouillon am 19.10.2007 für diese Seite geschrieben hatte.

aus Deutschland

Triers Bischof Reinhard Marx kam wuchtig zur Sache: die alte Säkularisierungsthese „Religion verschwindet“ habe sich selbst erledigt, sagte er in Berlin. Die Kontroversen um Kreuze in den Schulen, um Kopftücher und um den Gottesbezug in der Europäischen Verfassung hätten allen signalisiert: Sogar in westlichen Gesellschaften ist Religion präsent. „Sie aus dem Diskurs auszuschließen und nur dem religiösen Gefühl zuzuschieben, geht nicht“, bekräftigte Marx im Atrium der Deutschen Bank. Dorthin hatte das von Mitgliedern und Freunden des Opus Dei geführte Feldmark-Forum am Mittwochabend 300 Gäste geladen. 

„Herausforderungen des Säkularismus als Chancen für die Kirche“ war das Thema und Marx machte deutlich, daß er sich nicht mit Klagen über kleinere Kirchengemeinden aufhalte. „Wir sollten uns einmischen! Die Säkularisierungsthese funktioniert nicht mehr. Das haben andere schon früh gesehen. In der Bibel heißt es nicht ohne Grund: ´Der Dummkopf sagt: Es gibt keinen Gott´“ 

Dort in der Bibel habe es im übrigen den ersten Säkularisierungsschub gegeben. Die Entsakralisierung der Sterne und Elemente durch den Gott Israels sei eine Errungenschaft gewesen. Jesus habe dann bewußt nicht an das integralistische Bild des jüdischen Gottesstaates angeknüpft: „Jesus schaut den einzelnen an. Er geht auf das Subjekt zu.“ Augustinus habe das in einer weltpolitisch dramatischen Situation zugespitzt. „Als das römische Weltreich untergeht, schreibt er seinen Gottesstaat. Und als er gefragt wird: ´Was ist wichtig?´ antwortet Augustinus: ´Gott und die Seele.´ - ´Sonst nichts?´- ´Nein, sonst nichts.´ bekräftigt der Kirchenvater.“  In der Seele des einzelnen Menschen, so Marx, vollzieht sich die Entscheidung. 

Dabei machte der Trierer Bischof klar, daß er weltweit keine Alternative zum säkularen Staat sieht. „Aber der Raum der Religion kann durch nichts ersetzt werden. Das Beziehungsgeflecht muß nur neu geknüpft werden.“ Es sei angesagt, mitten in der Welt Zeugnis zu geben. In dem Kontext verstehe er gut, wie der Gründer des Opus Dei, der hl. Josefmaria, von einer leidenschaftlichen Liebe zur Welt sprechen konnte. 

Marx plädierte für eine Doppelstrategie, um die Weltverantwortung des Christen zu leben. Zum einen müsse die Kirche öffentlich auftreten. Die kirchliche Soziallehre habe sich stets dagegen ausgesprochen, daß die Kirche die politischen Institutionen beherrschen solle. Wohl aber wolle sie sie beeinflussen, mit allen anderen Menschen guten Willens. Wir sollten öfter im gesellschaftlichen Diskurs daran erinnern: „Wenn das Christentum aus unseren Städten verschwindet, dann gibt es auch keine christliche Kultur mehr.“ Es seien eben nicht alle Religionen gleich. „Das Gemeinwesen kann sich nicht davor drücken, daß es Unterschiede gibt zwischen den christlichen Kirchen, die seit Jahrhunderten das Gemeinschaftsleben in Deutschland geprägt haben und einem religiösen Verein, der vor kurzem von zehn Leuten gegründet worden ist.“ 

Zum anderen sei mit Blick auf Josefmaria Escrivá und angesichts der Säkularisierung der Wert der Person, ihrer Arbeit, Lebensgestaltung und Heiligung in den Blick zu nehmen. Hier sieht Marx einen Hinweis auf das Wirken Gottes in unserer Welt.  

Das könne allerdings nur zum Zuge kommen, „wenn wir Christen selbst unsere Überzeugungen leben.“ Für die religiöse Situation in Deutschland gelte: „Wir gehen einen sehr langen Weg.“ Der evangelische Bischof Huber habe richtig die Selbstsäkularisierung der Christen kritisiert. Und Kardinal Martini habe im Gespräch mit Umberto Eco bekräftigt: „Die Kirche befriedigt keine Bedürfnisse, sie feiert Geheimnisse!“  

Wenn er, Bischof Marx, manchmal kleinliche Klagen über dieses und jenes höre, sage er: „Ja, was ist denn der Ersatz für Christus? – Wollt ihr Christus austauschen gegen die Coladose und den Laptop?“ Der moderne Staat lebe von Voraussetzungen, die er selbst nicht schaffen könne. „Der einzelne hat sich zu entscheiden!“