Heilige Sternschnuppen

Wie Sternschnuppen ziehen an uns die Heiligenfeste des November vorüber. Ihre flüchtigen Leuchtspuren stimmen auch den Ahnungslosen neugierig auf bekannte Heilige – wie auf unbekannte und ungefeierte.

Betrachtungen zum Kirchenjahr

Wie Sternschnuppen ziehen an uns die Heiligen des November vorüber. Nach dem großen Leuchten von Allerheiligen hinterlassen die Gedenktage nur flüchtige Leuchtspuren. Zu kurz, um ihre Charaktere und Hintergründe in den Blick zu bekommen. Aber lang genug, um auch den Ahnungslosen neugierig zu stimmen, der sonst die Heiligen nur in blasser Entrücktheit sieht, alle gleich, gesichtslos. Die Heiligen des Monats zeigen in der Vielfalt ihrer Gesichtszüge, dass sie Menschen aus Fleisch und Blut waren, jeder nach seiner Art und jeder ein Kind seiner Zeit.

Aus dem Klüngel

Karl Borromäus, dessen Gedenktag auf den 4. des Monats fällt, war – oberflächlich gesehen – ein Produkt des Nepotismus, also der Vetternwirtschaft oder des Klüngel, wie er im 16. Jahrhundert blühte. ... Nach der Unsitte der Zeit erhielt er schon mit sieben Jahren die Tonsur, die ihn in den Klerikerstand einführte. Mit zwölf Jahren wurde er Abt, mit Pfründen ohne Pflichten. Doch Karl verzichtete er auf die Bezüge zugunsten der Armen. Er studierte Rechtswissenschaft in Pavia und wurde Doktor beider Rechte. Wenige Monate danach holte sein Onkel, der neue Papst Pius IV., den begabten Neffen nach Rom, machte den Zwanzigjährigen zum Kardinal und nominellen Erzbischof von Mailand. Noch war Karl weder Priester noch Bischof. Als engster Mitarbeiter des Papstes leitete er die gesamte auswärtige Staats- und Kirchenpolitik. Mit ihm entstand die jetzige Gestalt eines „Kardinal-Staatssekretärs“.

Seine Frömmigkeit und ein feines Gespür für Würde und Gerechtigkeit bewahrten ihm davor, seine Stellung als Nepote am päpstlichen Hof zu missbrauchen. Nach dem Trienter Konzil drängte Karl den Papst, ihn aus der Kurie zu entlassen und in sein Bistum Mailand zu schicken, wo er die Konzilsbeschlüsse persönlich durchführen wollte. Schließlich hatte ja das Konzil die Residenzpflicht der Bischöfe besonders eingeschärft. Es war ein denkwürdiges Ereignis für Mailand, denn seit acht Jahrzehnten hatte hier kein Bischof mehr persönlich residiert. Karls Leben währte nur sechsundvierzig Jahre, von 1538 bis 1584.

Als Europa keimte

Der 7. November versetzt uns in eine andere geschichtliche Situation, vom kultivierten 16. in das raue 7. Jahrhundert. Das nordeuropäische Festland war missionarisches Ziel von Mönchen aus Irland und England. Sie gingen unsystematisch an die Glaubensverbreitung heran, ohne sich um feste Strukturen zu kümmern. Doch Willibrord, in England geboren und in einem irischen Kloster erzogen, verfuhr anders. Er verband seinen starken Missionsdrang mit klugem Pragmatismus. Er suchte den Schutz des Frankenherrschers und sorgte für eine enge Bindung an Rom. Dies war die Basis für seine Mission unter den Friesen. Papst Sergius I. weihte ihn 695 zum Erzbischof von Utrecht. Drei Jahre später gründete Willibrord in Echternach ein Kloster, das immer mehr zum Zentrum seiner Missionsreisen wurde und sich zu einem einflussreichen kulturellen Brennpunkt entwickelte. Dort starb er 739 und wurde in seinem Kloster begraben. Was ihn bewegt hatte, ist heute unteren anderen Vorzeichen wieder aktuell: die Neuevangelisierung Europas.

Auch Sankt Martin war ein Europäer avant la lettre. Die Leuchtspur des Heiligen vom 11. November wird besonders im Brauchtum deutlich. Um 316 in Ungarn geboren, im italienischen Pavia erzogen, ab dem fünfzehnten Lebensjahr Berufssoldat in der römischen Gardereiterei wie sein Vater, als Militärtribun überall im Römischen Reich unterwegs und zu Hause. Am Stadttor von Amiens teilte der junge Offizier seinen weiten Mantel mit einem frierenden Bettler. Die Tat des späteren Bischofs von Tours geht uns auch heute noch unter die Haut: Nicht achselzuckend vorbeigehen, sondern Augen für die Not haben – auch die geistige Not – und teilen können. In fernen Ländern, aber auch vor der eigenen Haustür.

Offen für neue Impulse

Der Heilige des 15. November war kein Ritter, sondern ein Bettelmönch zu Fuß. Albertus wanderte kreuz und quer durch Deutschland. Er starb 1280 fast neunzigjährig. Wir nennen ihn Magnus, den Großen. Als junger, lebenslustiger Student, hatte er die Predigt eines Dominikaners gehört, der junge Leute für einen neuen Weg der Nachfolge Christi gewinnen wollte. Dieser neue Weg der Dominikaner und Franziskaner hatte weder in der klerikalen noch in der weltlichen Öffentlichkeit einen guten Ruf – zu radikal. Deswegen eilten dem Prediger überall Warnungen voraus: Vorsicht, Verführer! Auch Albert war gewarnt. Er ging hin und ließ sich einfangen.

Als Professor ging Albert völlig unbefangen mit der Natur um. Das war derart neu, dass manche in ihm einen Magier und Schwarzkünstler sehen wollten. Er beschrieb Tiere, baute Apparate, führte als erster Experimente durch. Deren Ergebnisse hat die Forschung natürlich längst überholt, aber unverändert nötig bleibt seine Gabe, das forschende Auge mit dem staunenden Blick zu verbinden. Ist die Natur heute in unseren Augen und Händen nicht zum schiere Rohmaterial für unsere Begehrlichkeiten geworden? Der heilige Albertus Magnus lehrt, in einer technisch bestimmten Kultur offen zu bleiben für die Fragen, die jenseits reiner Technik stehen: die Fragen nach dem Sinn, nach der Wahrheit, nach der Schönheit, ja, nach dem Menschen selbst.

Vor genau 800 Jahren

Am 19. feiern wir die heilige Elisabeth von Thüringen. Sie wurde 1207 geboren, vor 800 Jahre also. Sie war Tochter des Königs Andreas von Ungarn und der Gertrud von Andechs. Mit vier Jahren kam sie an den Thüringer Hof, mit vierzehn „wurde sie vermählt“, wie es in den Quellen heißt. Hof und Politik erlaubten keine Emanzipation. Und doch emanzipierte sie sich, nahm Abstand von Gewohnheiten, die in ihrer vornehmen Umgebung als selbstverständlich galten. Die barmherzige Zuwendung der Landgräfin zu den Armen und Kranken schien vielen übertrieben, ihr Ausbrechen aus Standesschranken und ihre Kritik an der Ungerechtigkeit damaliger gesellschaftlicher Verhältnisse empfand man als herausfordernd, aggressiv. Sie fand ihre Selbstverwirklichung, indem sie ihr Selbst vergaß und sich den Bettlern und den Verlassenen widmete. In ihnen sah sie Christus.

Elisabeths Mann, der Landgraf Ludwig, bestritt seine Hofhaltung und seine militärischen Unternehmungen aus den Steuern seiner Untertanen. Eingetrieben wurden sie von Pächtern und Vögten, die den kleinen Leute oft zusätzliche Abgaben auflasteten. Das Elend des Volkes stand in schreiendem Gegensatz zum üppigen Leben des Hofes. Ludwig konnte nichts an diesem Herkommen ändern. Elisabeth war über all das empört. Laut einer zeitgenössischen Quelle bestand Protest darin, „dass sie, an der Seite ihres Gatten sitzend, sich beim Mahle von allem enthielt, was von Steuern und von der Eintreibung der Steuerbeamten herrührte. Sie aß nichts, wovon sie nicht wusste, dass es von den Einkünften und rechtmäßigen Gütern ihres Gatten herkam. ... So geschah es oft, dass sie unter den verschiedenen Gängen an der Tafel ihres Gatten von Hunger und Durst geplagt wurde. Der Gatte aber benachrichtigte sie insgeheim, aus welchen Gütern die Speisen stammten, die aufgetragen wurden. ... Diese seltsame und ungewohnte Lebensweise zog ihr selbst und auch dem Gatten, der sie erlaubte, vielen offen ausgesprochenen Tadel zu, den sie mit großer Geduld ertrugen. Sie selbst aber enthielt sich nicht nur von allen in unerlaubter Weise zusammengerafften Gütern, sondern sorgte auch, wo immer sie konnte, dass jene entschädigt wurden, die unter Gewaltstreichen gelitten hatten.“

Ungefeierte Heilige

Das kurze Aufleuchten der Sternschnuppen regt uns an. Wie vielgestaltig sind und wirken indes die Leuchtspuren der Heiligen! Der Protegé eines hochgestellten Onkels, der ungetaufte Soldat aus der Provinz, der Student, der sich von einem Menschenfischer fangen lässt, die Landesherrin, die im Dienst an den Armen zu sich selbst findet ...

Dann, am 30. November, das Fest des Apostels Andreas. Das ist ein ganz anderes Leuchten als der flüchtige Glanz der Sternschnuppen – mächtig und dauerhaft. Denn Andreas war der erste der Apostel, zog seinen Bruder Petrus in seinen Bann und brachte ihn zu Jesus.

Sind nun die letzten Tage des Monats von heiligen Sternschnuppen frei? Oder tritt deren eigener Glanz nur zurück gegen das Tageslicht? – So will es scheinen, wenn man bedenkt, was sich am 28. November vor 25 Jahren in Rom ereignete. Wer das Opus Dei ein wenig kennt weiß, dass sich an jenem Tag das „besondere Anliegen“ des heiligen Gründers erfüllte, für das er jahrzehntenlang gebetet hatte: Papst Johannes Paul II errichtete das Opus Dei als Personalprälatur und legte damit auch kirchenrechtlich fest, was Gott Josemaría Escrivá als Kern des Werkes gezeigt hatte, einen Weg der Hingabe an Gott, ganz und restlos inmitten in der Welt – als Frucht von Taufe und Firmung, als Sauerteig im aufgehenden Brot der Gesellschaft.

Wie Sternschnuppen, die glanzlos und unsichtbar bleiben, weil sie am helllichten Tag den Himmel kreuzen, so erscheinen die bei Gott vollendeten Unbekannten, die im gewöhnlichen Berufs- und Familienleben nach der Heiligkeit strebten. Sie wussten „jenes göttliche Leuchten zu entdecken, das selbst aus den ganz alltäglichen Wirklichkeiten hervorbricht“. Es sind unerkannte Heilige der Normalität, die „jenes göttliche Etwas, das im Kleinen verborgen liegt“ entdeckt haben (Gespräche 119 u.121). Stellen wir uns also vor, dass die letzten Novembertage jenen ungefeierten Heiligen geweiht sind.

  • Eine Betrachtung von Josef Arquer