"Das Glaubenswissen muss vertieft werden"

Ein Gesprächsband des neuen Leiters des Opus Dei überzeugt durch Klarheit und das Bemühen, schwierige Themen zu durchdringen

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Opus Dei - "Das Glaubenswissen muss vertieft werden"

Die Tagespost, 22.12.2016.

Nach dem Tod des bisherigen Leiters des Opus Dei, Bischof Javier Echevarria am 12. Dezember, übernimmt der seit 2014 als Auxiliarvikar der Personalprälatur tätige Fernando Ocáriz bis zur Wahl eines neuen Generalvikars die Leitung des Opus Dei. Der 1944 in Paris geborene und in Madrid aufgewachsene Ocáriz vereint in sich die seltene fachliche Kombination von Physik und Theologie; nach seiner Promotion in Navarra wurde er 1971 zum Priester geweiht. Er ist theolo-logischer Berater der Glaubenskongre gation, der Kongregation für den Klerus und des Päpstlichen Rates zur Förderung der Neuevangelisierung.

2013 erschien in Spanien das nun auch auf Deutsch vorliegende Buch „Die Welt ist in der Kirche versöhnt“. Das Gespräch mit Fernando Ocáriz führt der spanische Journalist Rafael Serrano, und bereits seine Einleitung spiegelt das Hauptcharakteristikum des schlicht und geradlinig gestalteten Bandes: Klarheit. Was bei der Lektüre des sich über 170 Seiten erstreckenden Gesprächs am meisten beeindruckt, ist das Bemühen, schwierigste Themen und Differenzierungen ganz wesentlich zu durchdringen und zu klären. Als Leser merkt man das Ringen und Früchte an Unterscheidung, die dieser Anspruch mit sich bringt, und ist dankbar: Hier ist nichts verwaschen oder ambivalent, sondern alles transparent und orientierend.

Handeln vor allem die letzten Kapitel des Buches primär von der Spiritualität und Mission des Opus Dei, so entfaltet Fernando Ocáriz im ersten Teil des Interviews seine denkerische Brillanz anhand sehr grundsätzlicher und weitreichender Fragen Serranos. So gibt es einen interessanten Diskurs über Atheismus, wo Ocáriz auf Marx‘ Unterscheidung eines „negativen Atheismus, der (den geleugneten) Gott irgendwie braucht, um eine Identität des Menschen zu konstruieren“ Bezug nimmt, der nach Marx übergehen sollte in einen „positiven Atheismus“, der die Frage nach der Existenz Gottes gar nicht mehr stellen sollte.

Dennoch, so Ocáriz, könne man der Frage nach dem letzten Sinn der eigenen Existenz nicht völlig ausweichen, und diese enthalte zumindest implizit auch die Frage nach Gott. Serrano hakt nach, wie die Frage nach Gott bei Agnostikern und Atheisten geweckt werden könne, worauf der Physiker Ocáriz unter anderem feststellt: „Bevor Argumente über die Existenz Gottes diskutiert werden, sollte man grundlegendere Fragen geklärt haben – insbesondere, ob die menschliche Vernunft imstande ist, Realitäten zu erkennen, die nicht der Erfahrungswelt angehören beziehungsweise die nicht mit den Sinnen oder Beobachtungsinstrumenten zu erfassen sind. Wenn man von einem Positivismus ausgeht, der dem Menschen eine solche Fähigkeit abspricht, kann die Frage nach der Existenz Gottes schon von vornherein nur grundsätzlich verneint werden. (…) So wird es in vielen Fällen nötig sein, den Gesprächspartner dazu zu bringen, unhinterfragte Grundannahmen zu überprüfen. Dennoch zeigt man sich beispielsweise in den Neurowissenschaften und in der Biologie gegenüber Fragen der nichtempirischen Realitäten allmählich offener.“

Ermutigend ist nicht nur die Gründlichkeit und Geradlinigkeit des Denkens und Sprechens, die den Leser in ihre aufbauende Schule nimmt, sondern auch das grundsätzliche Vertrauen in die Erkenntnisfähigkeit des menschlichen Geistes, der Ocáriz die Notwendigkeit der Vertiefung des Glaubens an die Seite stellt: „Die Notwendigkeit, das Glaubenswissen zu vertiefen, wird im Sinne der Einheit des Lebens, der inneren Kohärenz der Person, verständlich. Durch eine solche kann das Auftauchen scheinbarer Unvereinbarkeiten zwischen Glauben und Wissenschaft, wie sie manche Intellektuelle sehen, vermieden oder zumindest gemindert werden.“

Ocáriz‘ Argumentation ist spürbar getragen von der Überzeugung, dass Konflikte und Gegensätze überall dort überwunden werden können, wo Gläubige von ihrer christlichen Berufung begeistert sind, dort sieht er das titelgebende Wort des Augustinus lebendig: „Mundus reconciliatus, Ecclesia.“

Neben dem Gründer des Opus Dei, dem heiligen Josefmaria Escrivá, ist Benedikt XVI. die Hauptreferenz von Ocáriz, das zeigt sich etwa auch dort, wo er die „Diktatur des Relativismus“ erläutert: „Es zeigt sich darin die tiefe Krise eines großen Teils der westlichen Kultur: die Krise der Vernunft, im Zuge derer die Erkennbarkeit der Wahrheit und der Sinn der Existenz prinzipiell negiert werden. Der Begriff der Toleranz gilt häufig als Äquivalent für Respekt gegenüber den Meinungen und Handlungen anderer Personen und kann im Kontext des Relativismus mit Indifferenz gleichgesetzt werden, während Freiheit als Gleichgültigkeit verstanden wird. Der ursprüngliche Sinn von Toleranz hingegen besteht darin, ein Übel nicht zu verhindern, auch wenn es als solches erkannt wird und man es verhindern könnte, um dadurch ein größeres Unheil zu vermeiden.“

Hochaktuell präsentiert sich auch das Kapitel „Das Konzil“, wo Ocáriz am Beispiel der Frage der Religionsfreiheit die Notwendigkeit einer Lesart kirchlicher Dokumente argumentiert, die bestimmten Kriterien folgen muss: „Dabei müssen die verschiedenen Grade der Autorität der Dokumente in Rechnung gestellt und das Prinzip beachtet werden, dass das Dunkle durch das Helle erleuchtet wird und nicht umgekehrt.“

Fernando Ocáriz: Die Welt ist in der Kirche versöhnt. Ein Gespräch mit Rafael Serrano. Fassbaender, Wien 2016, ISBN 978-3-902575-75-3, 173 Seiten, EUR 13,90

  • Gudrun Trausmuth
  • Die Tagespost, 22.12.2016