Escrivá hat den Weg der Heiligkeit sichtbar und gangbar gemacht

Zur Einstimmung auf den 89. Gründungstag des Opus Dei am 2. Oktober

Betrachtungen zum Kirchenjahr
Opus Dei - Escrivá hat den Weg der Heiligkeit sichtbar und gangbar gemacht

Wie es sich fügt, liegen der Gedenktag der kleinen Theresia von Lisieux am 1. Oktober und der Gründungstag des Opus Dei am 2. Oktober nahe beieinander. Beide Heilige, die Karmelitin und der Gründer des Opus Dei, waren sich in zwei Punkten besonders nahe: Sie lebten aus einer intensiv empfundenen Gotteskindschaft heraus – über die sie sich auch vielfältig äußerten – und waren fest entschlossen heilig zu werden (vgl. Mt 5,48).

Sehr schön kommt der enge Zusammenhang zwischen der Gotteskindschaft als Fundament des christlichen Lebens und der Heiligkeit in einem Gedanken Josefmaria Escrivás zum Ausdruck: „Klein sein: die großen Kühnheiten werden immer von Kindern vollbracht. – Wer bittet um... den Mond? – Wer nimmt alle Gefahren auf sich, um seine Wünsche erfüllt zu sehen? Denkt euch so ein Kind mit viel Gnade Gottes, mit dem Wunsch, Seinen Willen zu erfüllen, voller Liebe zu Jesus, mit allem menschlichen Wissen, das es in sich aufzunehmen vermag..., dann habt ihr das Bild des Apostels von heute wie Gott ihn zweifellos will.“ (Der Weg, Nr. 857)

Der Wunsch, Seinen Willen zu erfüllen! Das bewegt den heiligen Josefmaria schon als Jugendlichen. So war es auch bei der heiligen Theresia: Als sie noch ein junges Mädchen war, ließ sie dem Wirken des Heiligen Geistes, den die Christen als Heiligmacher anrufen, bereits freien Lauf. So schrieb sie in ihr berühmtes Tagebuch: „Ich habe nur einen Wunsch, nämlich den, eine große Heilige zu werden, weil es nur dieses an Wahrem auf der Erde gibt. Ich bin fest entschlossen, mich mit Mut ans Werk zu begeben.“ Dementsprechend äußerte sich der junge Priester Josefmaria: „Du bist verpflichtet, dich zu heiligen. – Auch du. – Wer soll glauben, das sei ausschließlich Sache der Priester und Ordensleute? Der Herr nahm keinen aus, als Er sagte: »Seid vollkommen wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.«“ (Der Weg, 291) Dass ihr Vorhaben – Gottes Vorhaben, denn es ist ja sein Willen und sein Werk – tatsächlich möglich war und wirklich wurde, zeigt uns, dass sie nun beide Heilige sind. Und es führt uns eine wichtige Wahrheit des Glaubens vor Augen: Gott macht alles möglich, was er von uns Menschen will. Er braucht „nur“ unsere Mitwirkung.

Vor 89 Jahren, am 2. Oktober 1928, ließ Gott den 26jährigen Priester in Madrid sehen, was seine eigentliche Berufung auf Erden war: Der Welt Gottes Auftrag an alle Christen neu ans Herz zu legen, in ihren alltäglichen Lebensumständen nach der Heiligkeit zu streben. Von da an setzte Josefmaria alle Hebel in Bewegung, diesen Weg der Heiligkeit sichtbar und gangbar zu machen, den Gott für die meisten Christen vorgesehen hat. Durch seine Schriften, seine Katechesen und vor allem durch sein intensives Gebetsleben öffnete er vielen Menschen einen neuen Zugang zu ihrer persönlichen Taufberufung und der Kirche ein tieferes Bewusstsein für die über Jahrhunderte vernachlässigte Botschaft Christi, damit sie diese mit neuem Schwung verbreite: »Seid vollkommen...«.

Mit Verweis auf die Heiligkeit der Kirche, die von ihrem Haupt Christus auf ihre Glieder übergehen soll, drückt es Jahrzehnte später das Zweite Vatikanische Konzil so aus: „Daher sind in der Kirche alle, mögen sie zur Hierarchie gehören oder von ihr geleitet werden, zur Heiligkeit berufen gemäß dem Apostelwort: ‚Das ist der Wille Gottes, eure Heiligung’ (1 Thess 4,3; vgl. Eph 1,4).“ (Lumen gentium, 39).

Daran erinnerte der heilige Papst Johannes Paul II. die Katholiken zu Beginn des dritten Jahrtausends: „Ohne Umschweife sage ich vor allen anderen Dingen: Die Perspektive, in die der pastorale Weg eingebettet ist, heißt Heiligkeit… Heiligkeit ist hier im grundsätzlichen Sinn verstanden als Zugehörigkeit zu dem, der eigentlich der Heilige, ja »der dreimal Heilige« ist (vgl. Jes 6,3). Das Bekenntnis zur »heiligen« Kirche bedeutet auf ihr Antlitz als Braut Christi zu verweisen, für die er sich gerade deshalb hingegeben hat, um sie zu heiligen (vgl. Eph 5,25-26). Dieses Geschenk der Heiligkeit ist sozusagen »objektiv«. Es ist jedem Getauften angeboten. Doch setzt sich das Geschenk seinerseits in eine Aufgabe um, die die ganze christliche Existenz leiten muss. »Das ist es, was Gott will: eure Heiligkeit« (1 Thess 4,3). Dieser Auftrag betrifft nicht nur einige Christen: »Alle Christgläubigen jeglichen Standes oder Ranges sind zur Fülle des christlichen Lebens und zur vollkommenen Liebe berufen« (Lumen gentium, 40).“ (Novo millennio ineunte, 30)

Die Heiligkeit ist das größte, was Gott den Menschen schenken kann und will. Es ist letztlich seine ewige Glückseligkeit, an der er uns teilnehmen lassen möchte. Er will es als unser gütiger und barmherziger Vater, der uns wie seine Kinder ernährt, behütet, erzieht und mahnt.

Das Gebet des Herrn, das Vaterunser, führt uns beide Wahrheiten deutlich vor Augen, von denen unsere beiden Heiligen – exemplarisch stehen sie für die große Schar der Heiligen – tief durchdrungen waren: Wir sind Gottes Kinder, und Gott will uns heilig! So beten wir: „Vater unser im Himmel“ – Du bist mein Vater! Ich bin Dein Kind! Und dann: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden!“ – Du willst, dass ich Deinen Willen erfülle und so heilig werde. Ich will es auch!

Vielleicht sollten wir das Grundgebet der Christen für uns ganz persönlich neu entdecken und daraus immer wieder Kraft für unseren Alltag schöpfen. So wollte es sicherlich der Herr, als er uns lehrte es zu beten. Möge seine Mutter Maria für uns Kinder Gottes – und ihre Kinder (vgl. Joh 19,26) – unsere vertraute Lehrmeisterin der Heiligkeit sein.

Andreas Kuhlmann