Meine beiden priesterlichen Wege

Autobiographisches mit Anmerkungen von Volker Hildebrandt

„Sacerdos in aeternum – Priester auf ewig“ .... Denke ich zurück an meine Priesterweihe im Jahre 1981, so sind mir vor allem diese Worte in einem außergewöhnlichen Licht präsent. Als Priester ist man durch die Weihe – eines der sieben Sakramente – in gewisser Weise ein anderer Mensch geworden; man hat eine neue Identität erhalten. 

Taufe und Tauf-Adoption

Ähnliches, wenn auch mit einem wichtigen Unterschied, geschieht bei der Taufe. Mit diesem Sakrament hat 1953 auch mein Weg begonnen. Durch die Taufe wird ein Mensch Christ; die Firmung unterstreicht und besiegelt es. Was da geschieht, lässt sich mit einer Adoption vergleichen. Von gleich auf jetzt trägt man einen anderen Namen. Daran wird offenbar: Man ist zwar weiterhin derselbe, zugleich aber irgendwie auch ein Jemand, der man vorher nicht war. Wichtiges hat sich verändert, ist hinzugekommen. Man gehört nun einer weiteren Familie an. Die eigene Lebensperspektive ist nun zutiefst mitgeprägt von der Größe und dem Adel dieser neuen Familie der Christen.

Selbstverständlich verpflichtet solcher Adel aus der Tauf-Adoption, und der Christ muss sich später kräftig um all das bemühen, was ihm da in den Schoß gefallen war. Wie oft habe ich Gedanken wie diese gelesen und im Gebet vor Gott gebracht: „Die Bekehrung ist Sache eines Augenblicks. – Die Heiligung ist ein Werk für das ganze Leben.“ Und: „Begradigen. – Jeden Tag ein wenig. – Das ist deine dauernde Arbeit, wenn du wirklich heilig werden willst.“ (Josemaría Escrivá, Der Weg, 285 und 291.) Das intuitive Wissen, dass die gewonnene Würde das Kind Gottes in die Pflicht nimmt, drängt in die konkrete Gestalt der Liebe. „Was das Geheimnis der Beharrlichkeit sei?“ schreibt gleichfalls der hl. Josefmaria: „Verliebe dich, und du wirst ihn nicht lassen.“ (Der Weg, 999.) Ohne Liebe, die im Kampf um Treue täglich wächst und sich bewährt, bliebe alles form- und gestaltlos; könnte sich die Taufwürde nicht entfalten.

Matthäus berichtet, wie Jesus den jungen Mann auffordert: „Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen; so wirst du einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach.“ Und die Reaktion darauf: „Als der junge Mann das hörte, ging er traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen.“ (Matthäus 19,21 und 22) Die Begebenheit hat oft zu dem einseitigen Schluss geführt, Heiligkeit und ernsthafte Christusnachfolge seien nur möglich, wenn man der Welt mit ihrem irdisch-profanen Reichtum den Rücken kehrt und Mönch, Nonne oder Priester wird. Für mich wäre das nicht der Weg gewesen, denn auch das war mir von Gott gegeben: eine gute und sogar leidenschaftliche Liebe zur Welt – und in ihr das Interesse an all den physikalischen und chemischen Prozessen samt all den anderen Interessen, die irdisch, aber damit noch keineswegs unheilig oder gar heillos sind. 

Schule, Bund und Studium – der erste priesterliche Weg

So bin ich noch heute froh, dass meine Eltern mich nach dem Besuch der katholischen Paulus-Volksschule (1959–1963) in Bonn an dem naturwissenschaftlich–mathematischen Gymnasium in Bonn-Tannenbusch angemeldet haben. Bis zum Abitur 1971 gehörten Chemie und Physik zu meinen Lieblingsfächern. Parallel dazu wuchs in der Oberstufe das Interesse für Geschichte und Philosophie. Nach achtzehn Monaten Wehrdienst – den ich als Offizierssohn „standesgemäß“ als Fähnrich und damit als Offiziersanwärter der Reserve beendete – stand ich also vor der schwierigen Frage, welcher Neigung ich nun den Vorzug geben sollte.

Ich entschied mich für beide und studierte Chemie und Geschichte für das höhere Lehramt –  von 1972 bis 1976 in Bonn und von 1976 bis zum ersten Staatsexamen 1978 in Münster.

Neben Schule und Studium habe ich mich auch in verantwortlicher Position in Jugendarbeit und Erwachsenenbildung engagiert, darüber hinaus schulpolitisch, später hochschulpolitisch sowie in meinen technisch-naturwissenschaftlichen Hobbies und natürlich sportlich.

Als ich um die Aufnahme in das Opus Dei bat, hatte ich meinen „priesterlichen Weg“ noch als Schüler gefunden – das Wort hier zunächst in seiner weitesten Bedeutung verstanden als einen der unzählig vielen Wege, auf den grundsätzlich jeder Christ durch seine Taufe gerufen ist und den er dann im Leben selbst bahnen muss. Der Katechismus der Katholischen Kirche bringt es so auf den Punkt: „Die ganze Gemeinschaft der Gläubigen ist als solche priesterlich. Die Gläubigen üben ihr Priestertum als Getaufte dadurch aus, dass sich jeder ... an der Sendung Christi ... beteiligt. Durch die Sakramente der Taufe und der Firmung werden die Gläubigen zu ‚einem heiligen Priestertum geweiht‘.“(KKK, 1546)

Der Geist des Opus Dei war mir geradezu auf den Leib geschneidert. So durfte ich entdecken, dass sich die unterschiedlichen Bereiche meines Lebens zu einer harmonischen Einheit, zu einem Ganzen verbinden können. Auf der einen Seite mein Studium, mein Sport, mein soziales Engagement, meine politischen Ambitionen und die sonstigen Stunden des Alltags, auf der anderen die frommen und heiligen Stunden des Betens und des Gottesdienstes. Die Entfaltung der Taufwürde verdichtete sich für mich unter anderem in der folgenden Erfahrung: Man ist als gewöhnlicher Mensch mitten in der Welt zu Hause, als Schüler, als Soldat, als Student, als Berufstätiger; man bleibt auf dem Weg und ist wegen all seiner persönlichen Verfehlungen und Unvollkommenheiten noch lange nicht angekommen – und gehört doch ganz Gott an. Als sein „Adoptivkind“ ist man ganz davon beseelt und bemüht sich, wirklich nach seiner Art zu leben: Was Gott genau von dir will, das wird dann deutlich in den täglichen Aufgaben und Herausforderungen, wenn du sie im Kontext der Lehre Jesu und der Kirche löst. Die Gebetsbitte „Dein Wille geschehe“ wird auf diesem Weg praktisch, konkret und lebensnah – zu deinem eigenen Heil und zum Wohl deiner Mitmenschen.

„Dein Wille geschehe!“ Diese Bitte habe ich oft bis in die tagtäglichen Entscheidungen hinein wiederholt und mir zu Herzen genommen – es zumindest immer wieder versucht. So habe ich Gott im alltäglichen Leben immer wieder wahrnehmen können, habe gelernt, mit ihm und durch ihn die Welt, das Leben und alles Menschliche mehr zu lieben. Sicher: Du musst diese Bitte „dein Wille geschehe“ bewusst und entschieden wiederholen – und dich zugleich um die Sache bemühen, um die es geht. Aber dann erfährst du, dass deine Arbeit, deine Ziele und deine Freundschaften nicht nur kein Hindernis sind. Dass sie eben nicht im Widerspruch dazu stehen und dich nicht davon abhalten müssen, das eigene Leben vorbehaltlos und ganz in Gottes gute Hände zu legen. Deine bürgerlich-zivilen Aufgaben mit ihrer Eigendynamik füllen dich ganz aus, wie das in jedem anspruchsvollen Beruf der Fall ist. Und nun werden sie geradezu zu einem Ansporn und einer Hilfe: Gerade in ihnen – also mitten im Gewühl und der Geschäftigkeit der Arbeit – lernst du, fortwährend mit Gott zu sprechen – und das heißt, kontemplativ zu leben. Du bist ja geradezu darauf aus, mit ihm an einer christlicher geprägten Welt, an einer Welt nach seinem Willen zu bauen. 

Weihe – der zweite priesterliche Weg

Um diese Überzeugung solide zu verankern, habe ich neben meinem zivilen Universitätsstudium ein philosophisch–theologisches Zweitstudium im Rahmen des „Studium generale“ der Prälatur Opus Dei begonnen und von 1978 bis 1981 am Internationalen Seminar des Opus Dei in Rom abgeschlossen.

Nach reiflicher Überlegung und mit der Zustimmung des Prälaten des Opus Dei wurde ich am 30. August 1981 zum Priester geweiht und in die Prälatur Opus Dei inkardiniert.

Der christlichen Ausrichtung meines Lebens hat die Priesterweihe in gewisser Hinsicht nichts Neues hinzugefügt. Sie war unter diesem Gesichtspunkt kein einschneidender Schritt. – In anderer Hinsicht geht sie aber wohl darüber hinaus und hat damit mein Leben entscheidend verändert: Wegen der Identität des sakramentalen Priestertums. Es ist unverdiente Gnade, deren ich mich nicht zu rühmen habe, die ich vielmehr zu rühmen habe. – Sacerdos in aeternum!

Als geweihter Priester ist man über das allgemeine Taufpriestertum hinaus in besonderer Weise zum Dienen beauftragt und verpflichtet – als „zweiter“, als „anderer Christus“ (vgl. Matthäus 20,28 und Galater 2,20). Man wird geweiht, um dem gemeinsamen Priestertum aller Getauften zu dienen (vgl. KKK, 1547): Als geweihter Priester stelle ich dem Herrn meine Hände, meine Stimme, mein ganzes Sein zur Verfügung, damit er segnet, wenn ich als Priester segne, damit er freispricht, wenn ich in der Beichte die Absolution erteile, damit er das Brot und den Wein in seinen Leib und sein Blut verwandelt, wenn ich bei der Eucharistiefeier die Wandlungsworte spreche.

In allem, was die gläubigen Laien in ihrem säkularen Leben bewirken und tun, üben sie ihr allgemeines Priestertum aus. Dieses alles nimmt der geweihte Priester nun am Altar in den Gaben von Brot und Wein entgegen und handelt dabei „in der Person Christi des Hauptes“ (II. Vatikanum, Lumen gentium, 10 usw.). In der Wandlung von Brot und Wein fügt er dann die Gläubigen selbst und all ihr Wirken und Tun ein in das Leben, den Tod und die Auferstehung Jesu Christi. So wird das Leben und Arbeiten der Gläubigen zum erlösenden Opfer Jesu und zum Gnadengeschenk der Eucharistie, zur „Arznei der Unsterblichkeit“, wie der heilige Ignatius von Antiochien sagt. Die Feier der Eucharistie als „Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens“ (Vatikanum II, Lumen gentium, 11) hat deshalb Vorrang vor all meinen anderen Aufgaben als Priester.

Zurück in Deutschland waren die folgenden Jahre bestimmt von Gottesdiensten aller Art, von Beichtgesprächen und geistlichen Meditationen sowie Vorträgen bei Einkehrstunden, Exerzitien und Tagen der Besinnung für Jung und Alt. Ein weiterer Schwerpunkt waren Vortrags- und Vorlesungsreihen zu philosophischen, ethischen, anthropologischen und theologischen Themen bei unterschiedlichen Fort- und Weiterbildungstagungen. 

… und wohin er mich führte

So führte mich mein Weg zuerst nach Bonn, dann für sieben Jahre nach Berlin. Während der Berliner Jahre habe ich an der Universität Münster in Philosophie promoviert und die Dissertation veröffentlicht („Virtutis non est virtus“, Frankfurt [Lang] 1989).

Es folgten Jahre in Köln, danach in Euskirchen. Dort konnte ich neben den genannten Tätigkeiten auch in der Seelsorge von sieben Pfarrgemeinden mitarbeiten: Sonn- und Werktagsgottesdienste, Vorbereitung auf die Sakramente, Messdiener- und Jugendarbeit, Seelsorgestunden in Grund- und Hauptschulen, Sterbebegleitung...

Von 1997 bis 2007 war ich zehn intensive Jahre lang Religionslehrer und Schulpfarrer am Mädchengymnasium in Jülich. Neben den regelmäßigen Schulgottesdiensten, Frühschichten etc. sowie dem regulären Unterricht in allen Jahrgangsstufen einschließlich Abiturprüfungen war meine Zeit ausgefüllt mit verschiedenen Sozialprojekten (Caritas vor Ort; Peru als Schulfahrt) sowie Schulwallfahrten und Weltjugendtagen in Israel, Rom, Toronto und Köln.

Ein Wort zu meiner Familie: Mit den drei Geschwistern und sieben Neffen bzw. Nichten treffe ich mich regelmäßig bei den Eltern, die mit ihren 81 und 86 Jahren zu unserer Freude noch sehr rüstig sind. Mein jüngerer Bruder begutachtet und vergibt als promovierter Chemiker Patentrechte. Meine jüngere Schwester hat sich als frei schaffende Künstlerin einen Namen gemacht. Und mein älterer Bruder steht als Arzt und Chirurg im Dienst am Menschen.

Meiner neuen Aufgabe als Pfarrer von St. Pantaleon in Köln sehe ich gelassen entgegen, aber zugleich in froher Erwartung. Möge mir der Herr die Kraft geben, ganz in seinem Sinne für alle Menschen da zu sein und ihnen zu dienen.

  • Volker Hildebrandt