Zur Freiheit erziehen - Der Erziehungsauftrag der Familie (2)

Mit den Kindern über die Dinge zu sprechen, die sie interessieren, ihnen gutes Beispiel zu geben und keine Angst zu haben, positiv auf ihr Leben Einfluss zu nehmen sind einige der Herausforderungen der Erziehung. Hier bringen wir den zweiten Teil des Artikels über diese im Rahmen der Familie zu lösende Aufgabe.

Familienleben
Opus Dei - Zur Freiheit erziehen - Der Erziehungsauftrag der Familie (2) Foto: SebastienHuette

Der Mensch verwirklicht sich durch seine freien Entscheidungen. Bekanntlich besteht die Freiheit nicht in der einfachen Möglichkeit, das eine oder andere zu wählen, sondern in der Fähigkeit, sich selbst zu beherrschen, um das wirklich Gute zu erstreben. Daher ist es vor allem bei der Erziehung der Kinder sehr wichtig, sie zur Freiheit anzuleiten, damit sie das Gute tun wollen: das heißt, dass sie es nicht nur wollen, weil es sich so gehört, sondern weil es eben gut ist.

In vielen Fällen erzieht man die Kinder mehr durch das, was sie daheim sehen und erleben – eine Atmosphäre der Freiheit, der Freude, der Zuneigung und des Vertrauens – als durch Worte. Daher besteht der Erziehungsauftrag der Eltern mehr darin, sie mit dieser Liebe zur Wahrheit – die der Schlüssel zur Freiheit ist [i]anzustecken als von ihr zu sprechen.

Auf diese Weise und mit der Hilfe der göttlichen Gnade wachsen die Kinder mit dem Wunsch heran, ihr Leben auf diese volle Wahrheit hin auszurichten, die allein fähig ist, dem Leben Sinn zu geben und die tiefsten Sehnsüchte des Menschenherzens zu stillen.

EINE ANSPRUCHSVOLLE LIEBE

Die Erziehung zur Freiheit ist eine echte Kunst, die oft nicht leicht ist, wie Benedikt XVI. sagt: «So kommen wir (...) zum vielleicht heikelsten Punkt der Erziehungsarbeit: das richtige Gleichgewicht zu finden zwischen der Freiheit und der Disziplin. Ohne Verhaltens- und Lebensregeln, die Tag für Tag auch in den kleinen Dingen zur Anwendung kommen, bildet sich der Charakter nicht aus, und es findet keine Vorbereitung auf die Prüfungen statt, die in Zukunft nicht fehlen werden. Die Erziehung ist jedoch vor allem eine Begegnung in Freiheit, und die gelungene Erziehung ist die Ausbildung zum rechten Gebrauch der Freiheit» [ii].

Eine hilfreiche Vorbedingung, um diese Aufgabe, Forderung und Freiheit in Einklang zu bringen, richtig anzugehen, ist daran zu erinnern, dass der christliche Glaube und die christliche Moral der Schlüssel zum Glück des Menschen sind. Christ zu sein mag anspruchsvoll sein, aber es ist niemals etwas Bedrückendes sondern äußerst befreiend.

Das Ziel ist, dass die Kinder zu Hause schon von klein auf mitbekommen, dass der Mensch «sich selbst nur durch die aufrichtige Hingabe seiner selbst vollkommen finden kann» [iii]. Ein Mensch, der voll und ganz sein Christsein lebt, ist «keine langweilige, angepasste Person; er verliert seine Freiheit nicht. Nur der Mensch, der sich ganz Gott anvertraut, findet die wahre Freiheit, die große und schöpferische Weite der Freiheit des Guten» [iv].

Das christliche Leben ist genaugenommen das einzige glückliche Leben; das einzige, das von der Bitterkeit eines Daseins ohne Gott befreit. Benedikt XVI. hat das am Beginn seines Pontifikats deutlich herausgestrichen: «Wer Christus einlässt, dem geht nichts, nichts – gar nichts verloren von dem, was das Leben frei, schön und groß macht. Nein, erst in dieser Freundschaft öffnen sich die Türen des Lebens. Erst in dieser Freundschaft gehen überhaupt die großen Möglichkeiten des Menschseins auf. Erst in dieser Freundschaft erfahren wir, was schön und was befreiend ist. So möchte ich heute mit großem Nachdruck und großer Überzeugung aus der Erfahrung eines eigenen langen Lebens Euch, liebe junge Menschen, sagen: Habt keine Angst vor Christus! Er nimmt nichts, und er gibt alles. Wer sich ihm gibt, der erhält alles hundertfach zurück» [v].

Um das zu erreichen, müssen vor allem die Eltern selbst die Freude eines stimmigen Lebens “durchscheinen” lassen. Die Eltern erziehen in erster Linie durch ihr persönliches Verhalten. Die Söhne und Töchter erwarten von ihren Eltern wesentlich mehr als nur eine Erweiterung ihres noch beschränkten Wissens oder einige mehr oder weniger gute Ratschläge. Sie suchen in ihnen das Zeugnis für den Wert und den Sinn des Lebens, das sich greifbar vor ihren Augen verwirklicht und, auf die Dauer gesehen, in allen Situationen des Lebens gültig bleibt [vi].

Die Kinder müssen begreifen, dass das Verhalten, das sie an ihren Eltern feststellen, keine Last ist, sondern eine Quelle der inneren Freiheit. Und die Eltern sollen ihre Kinder, ohne Drohungen, mit positiver Gesinnung “innerlich ausrichten”, sie zu dieser Freiheit erziehen, ihnen Gründe nennen, damit sie das Gute an dem verstehen, was von ihnen verlangt wird, damit sie sich daran gewöhnen.

Auf diese Weise wird ihre Persönlichkeit gefestigt und werden sie immer reifer, sicherer und freier. Sie lernen so unabhängig von Moden zu sein, und, falls nötig, auch gegen den Strom zu schwimmen. Die Erfahrung zeigt, dass die Kinder ihren Eltern für nichts so dankbar sind wie für diese Erziehung zur Freiheit und Verantwortung, sobald sie etwas älter geworden sind.

HOHE ZIELE VORGEBEN

Natürlich hat die Liebe zu den Kindern nichts damit zu tun, eine angebliche “neutrale Erziehung” zu beachten, die in Wirklichkeit unmöglich ist. Einerseits darf man nicht vergessen, dass, wenn die Eltern nicht erziehen, es andere tun werden. Schon immer, aber heute vielleicht mehr als in der Vergangenheit, haben die Gesellschaft, das Umfeld und die Kommunikationsmittel einen großen Einfluss ausgeübt, der niemals vorurteilslos ist! Andererseits besteht heute eine gewisse Neigung einige Werte zu vermitteln, die von allen angenommen werden können. Sie sind vielleicht positiv, aber normalerweise sehr bescheiden.

Die Eltern müssen, ohne Angst davor zu haben, ihren Kindern all die guten Dinge beibringen, von denen sie finden, dass sie für deren Glück wichtig sind. Wenn die Eltern beispielsweise darauf bestehen, dass sie lernen, bekommen die Kinder mit, dass das Studieren in ihrem Leben etwas sehr Gutes ist. Anhand der liebevollen und beharrlichen Hinweise der Eltern, sich zu waschen und sich ordentlich anzuziehen, lernen sie, dass die Hygiene und ein gepflegtes Auftreten keine Nebensächlichkeiten sind. Wenn die Eltern jedoch in anderen Fragen nicht darauf bestehen (wie etwa maßvoll, aufrichtig und loyal zu sein, zu beten und zu den Sakramenten zu gehen, die heilige Reinheit zu leben, usw.), dann könnten die Kinder unbewusst denken, diese guten Haltungen seien nicht mehr üblich, selbst die Eltern würden sich nicht bemühen sie zu beachten, oder sich nicht trauen sie wirklich zu verlangen. Sie sollen ihnen deshalb immer mit gutem Beispiel vorangehen und ihnen die Gründe erklären.

Bei dieser Aufgabe kommt es ganz besonders auf die Kommunikation an. Eine übliche Versuchung ist zu denken: “die Jugendlichen von heute verstehe ich nicht”; “das Milieu ist sehr schlecht”; “früher hätte man so etwas nie erlaubt”. Sich bloß auf die Autorität zu berufen, mag gelegentlich helfen, aber letztlich erweist es sich immer als unzureichend. Manchmal muss man sich bei der Erziehung auf die Ankündigung einer Belohnung oder Strafe stützen, aber vor allem muss man über das Gute oder Schlechte der Handlungen und den Lebensstil sprechen, der durch diese Handlungen geprägt wird. Auf diese Weise macht man es den Kindern auch leichter, die unlösbare Verbindung zu entdecken, die zwischen Freiheit und Verantwortung besteht.

Es wird immer notwendig sein auf die Kinder einzugehen. Der heilige Josefmaria legte den Eltern nahe, Freunde ihrer Kinder zu werden, Freunde, denen sie ihre Sorgen anvertrauen, mit denen sie ihre Probleme besprechen und von denen sie eine wirksame und wohltuende Hilfe erwarten können [vii]. Um das zu erreichen muss man ihnen Zeit widmen, jedem von ihnen allein zuhören, schon früh beginnen mit ihnen in Ruhe über die wichtigen Fragen der verschiedenen Lebensabschnitte zu sprechen: über den Beginn des Lebens, die Pubertätskrise, die Brautzeit und natürlich – weil es das Wichtigste ist – die Berufung, die Gott für jeden Menschen vorgesehen hat.

Benedikt XVI. sagte: «Wenn die Erziehung sich daher darauf beschränken würde, Kenntnisse und Informationen zu vermitteln, aber die große Frage nach der Wahrheit beiseiteließe, vor allem nach jener Wahrheit, die uns im Leben leiten kann, wäre sie eine sehr dürftige Erziehung» [viii]. Die Eltern sollen keine Bedenken haben, mit ihren Kindern über alles zu sprechen, und zuzugestehen, dass auch sie sich irren, Fehler haben, selbst einmal jung waren. Das vermindert keineswegs ihre Autorität; dieses Vertrauen erleichtert ihnen ihre Erziehungsaufgabe um vieles.

DAS WICHTIGSTE "GESCHÄFT"

Die Erziehungsaufgabe der Eltern ist eine spannende Arbeit und eine große Verantwortung. Die Eltern sollten die übernatürliche Bedeutung sehen lernen, die die Gründung einer Familie, die Erziehung der Kinder und der christliche Einfluss auf die Gesellschaft besitzen. Von diesem Bewusstsein des eigenen Auftrags hängt zum großen Teil die Wirksamkeit und der Erfolg ihres Lebens, mit einem Wort: ihr Glück ab [ix].

Eltern zu sein ist die wichtigste Tätigkeit. Der heilige Josefmaria sagte immer wieder, dass die Kinder das erste und wichtigste “Geschäft” der Eltern sind: das „Geschäft“ ihres Glücklich-seins, von dem die Kirche und die Gesellschaft so viel erwarteten. So wie ein guter Berufstätiger ständig bestrebt ist Neues zu lernen und seine Arbeit zu verbessern, so muss man immer den Wunsch haben zu lernen und bessere Ehegatten und Eltern zu sein.

Um diesen Wunsch zu unterstützen, hat der heilige Josefmaria zahlreiche geeignete Initiativen ins Leben gerufen, die weiterhin tausenden von Eheleuten bei ihrer Aufgabe helfen: Kurse zur Familienorientierung, Jugendclubs, Schulen, in denen die Eltern die Hauptrolle spielen, usw.

Gute Eltern zu sein ist eine große Herausforderung. Man darf die damit verbundenen Anstrengungen nicht verschweigen, aber alle damit verbundenen Opfer lassen sich mit Hilfe der besonderen göttlichen Gnade des Ehesakraments und der frohen und liebevollen Hingabe der Eheleute leicht tragen. Die Kindererziehung ist nicht eine Aufgabe, die das Schicksal oder die Umwelt auferlegt, sondern die Liebe. Dank dieser Liebe können sich die Eltern vertrauensvoll an Gott wenden, von dem sich jede Vaterschaft im Himmel und auf Erden herleitet [x], damit Er die Familie beschütze und die Kinder reich segne.

M. Díez

i Vgl. Joh 8, 32.

ii Benedikt XVI., Botschaft an die Stadt und Diözese Rom über die dringende Aufgabe der Erziehung , 21.1. 2008.

iii II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes , Nr. 24.

iv Benedikt XVI., Homilie, 8.12.2005.

v Benedikt XVI., Homilie bei der Hl. Messe zur Amtseinführung, 24.4.2005.

vi Hl. Josefmaria, Christus begegnen , Nr. 28.

vii Ebd, Nr. 27.

viii Benedikt XVI., Botschaft an die Stadt und Diözese Rom über die dringende Aufgabe der Erziehung , 21.1.2008.

ix Hl. Josefmaria, Gespräche, Nr. 91 .

x Eph 3, 14.