
Für Migranten in Barcelona
Zu Besuch im Sozialwerk Braval
10.01.2010
Von Josep Arquer
In seiner Botschaft zum 96. Welttag der Migranten und Flüchtlinge am kommenden 17. Januar spricht Papst Benedikt XV. über „die Situation der in den jeweiligen Gastländern geborenen Kinder sowie derjenigen, die nicht mit den nach ihrer Geburt emigrierten Eltern zusammenleben, sondern erst zu einem späteren Zeitpunkt mit ihnen zusammenkommen. Diese Heranwachsenden gehören zwei Kulturen an und sind mit all den Vor- und Nachteilen konfrontiert, die mit dieser zweifachen Zugehörigkeit verbunden sind, obgleich ihnen dieser Lebensumstand auch die Gelegenheit geben kann, den Reichtum der Begegnung zwischen verschiedenen kulturellen Traditionen zu erfahren. Es ist wichtig, dass ihnen der Schulbesuch und die spätere Eingliederung in die Welt der Arbeit ermöglicht werden und sie durch angemessene Strukturen im sozialen Bereich und im Bildungswesen in die Gesellschaft integriert werden.“Altstadt-Viertel voller Kontraste
Raval ist eine Gegend voller Kontraste. Auf dem Weg nach Braval kann man die frühromanische Kirche von Sant Pau del Camp besuchen und das Museum für zeitgenössische Kunst bewundern, das der Stararchitekt Richard Meier gebaut hat. Oder man geht in den gotischen Raum einer ehemaligen Kirche, der heute der Sitz des international erfolgreichen Architekten- und Designerverband FAD ist. Im Vorbeigehen wird man vielleicht die bronzene „Dicke Katze“ des Bildhauers Fernando Botero streicheln. Wie alles bei ihm ist sie dick und witzig.
Früher wurde das Viertel „Barrio Chino“, Chinesisches Viertel, genannt. Es war das Rotlichtviertel der katalanischen Metropole. Bis heute gehören Drogen, Prostitution und Kriminalität zu Raval. In den letzten Jahrzehnten ist zu diesen alten Plagen auch noch das Migrantenproblem hinzugekommen. Nach offiziellen Angaben sind 47% der etwa 50.000 Einwohner Immigranten aus rund dreißig Ländern.
Mit einer Dichte von 43.668 Einwohnern pro Quadratkilometer ist das Viertel ein wirres Ineinander von alteingesessenen und zugewanderten Menschen. Es wird auch Ravalkistan genannt, weil die Pakistanis nach offiziellen Angaben mit fast 4.500 Einwohnern die stärkste Gruppe bilden. Es folgen die Filipinos mit 4.000, die Marokkaner mit 2.000, und 1.500 kommen aus Bangladesh. Die Arbeitslosigkeit erreicht 33 %.
Alles begann mit Sport
Papst Benedikt XVI. schreibt in seiner Enzyklika „Caritas in veritate“: Die Not der Migranten „erschüttert einen wegen der Menge der betroffenen Personen, wegen der sozialen, wirtschaftlichen, politischen, kulturellen und religiösen Probleme, die es aufwirft, wegen der dramatischen Herausforderungen, vor die es die Nationen und die internationale Gemeinschaft stellt. Jeder Migrant ist eine menschliche Person, die als solche unveräußerliche Grundrechte besitzt, die von allen und in jeder Situation respektiert werden müssen.“ (Nr. 62)
Unter den Initiativen, die von städtischer wie von privater Seite gestartet wurden, um Abhilfe zu schaffen, hat sich „Braval“ einen Namen gemacht. Das „Centro de apoyo socioeducativo“ – Sozial-edukatives Förderzentrum bei der Stadt Barcelona ist ein körperschaftliches Werk der Prälatur Opus Dei, das im Geiste des heiligen Josemaría Escrivá entstanden ist. Der Gründer des Opus Dei hat vielfach auf die Pflicht und Verantwortung der Christen gepocht, einzutreten „für das Recht aller Menschen auf Leben, auf das Notwendige für ein menschenwürdiges Dasein, auf Arbeit und auf Erholung, auf die Wahl des eigenen Standes, auf die Gründung einer Familie, auf Kinder in der Ehe und auf deren Erziehung, auf die Gewährleistung der menschlichen Würde in Krankheit und Alter, auf die Kulturgüter, auf freie Vereinigung mit anderen Staatsbürgern zu legitimen Zwecken“. (Freunde Gottes, Nr. 171)
Josep Masabeu, der Chef des dreiköpfigen Leitungsteams von Braval: „Unsere Arbeit hat alle Einwohner des Viertels im Blick, und wir organisieren unsere Programme nicht nur für Migranten. Aber natürlich, weil es in diesem Viertel zahlreiche Migranten gibt, haben wir ebenso Migranten wie Einheimische bei uns.“ Die Leitlinie gegen Ghettobildung lautet: „Die Sozialkontakte stärken, so dass die jeweilige Volkszugehörigkeit nicht mehr trennend wirkt“. Braval ist nach dem Willen seiner Initiatoren und Sponsoren „ein Raum des Zusammenlebens“.
Derzeit kommen Jugendliche aus 30 Ländern nach Braval. Sie sprechen zehn Sprachen und bekennen sich zu neun Religionen.
Bildung ist die größte Herausforderung
Dazu Josep Masabeu: „Tatsächlich, schwieriger als die Schaffung von sozialen Kontakten ist die Herausforderung, den einzelnen Jugendlichen pädagogisch gerecht zu werden. Die Bandbreite reicht vom Talentierten, der es schließlich bis zur Universität schafft, bis hin zum Sonderschüler, der mit viel Hilfe kaum das nötige Mindestmaß bewältigt, um im Leben voranzukommen.“
Sport ist nach wie vor der Angelpunkt, doch hat Braval darüber hinaus drei Bildungsprogramme entwickelt: Das „Programm 1@1“ ist für Schüler gedacht, die sich mit dem Lernen schwer tun. Jedem einzelnen hilft ein „Volontär“ bei seinen Hausaufgaben – und weit darüber hinaus, überhaupt die richtige Einstellung zum Lernen zu finden. Der 18jährige Karim sagt: „In Braval kann ich richtig lernen, denn hier ist es ruhig. Zu Hause geht das nicht. Außerdem kann ich jeden Tag kommen.“ Karim ist einer von denen, die gerade den Sprung an die Universität geschafft haben. Im Grunde dient „1@1“ dazu, Gespür für positive Grundhaltungen im Umgang mit anderen Menschen zu wecken, besonders in der eigenen Familie sowie unter Schulkameraden bzw. Arbeitskollegen. Die Jugendlichen sollen begreifen, dass ihre Arbeit sie selbst fördert und zugleich der Gesellschaft dient. Im vorherrschenden Milieu von Raval ist das nicht gerade die übliche Einstellung.
Das „beschäftigungsorientierte Programm“ richtet sich an Jugendliche über 16 Jahre, von denen man annehmen muss, dass sie keinen Schulabschluss schaffen werden. Hier geht es vor allem um die Vermittlung einer positiven Sicht der Berufsarbeit und von elementaren Kenntnissen, um sich in der Gesellschaft zurechtzufinden. Als drittes bietet Braval Jungen, die ohne Spanischkenntnisse ins Land gekommen sind, das „Programm Grundsprache“ an.
Ehrenamtlicher Einsatz: Es geht um das gute Beispiel
Auf die Frage, wie Braval organisiert ist, erläutert Masabeu: „Zum Leitungsteam gehören außer mir zwei weitere Fachkräfte. Wir drei arbeiten full time und sind fest angestellt. Unter anderem koordinieren wir den Einsatz von etwa hundert ehrenamtlichen Volontären, das heißt von Studenten, älteren Schüler und jungen Handwerkern.“
Das Engagement der Volontäre ermöglicht persönliche Kontakte zu den jugendlichen Teilnehmern an den Sport- und Bildungsaktivitäten. Wenn sich diese zu fragen beginnen: „Warum tut der das für mich“, ist viel erreicht. Es geht um das gute Beispiel. Dabei öffnen sich nicht selten Fenster für Gespräche, die ins Christliche führen. Mittlerweile gibt es einige ehemaligen Teilnehmer aus Raval, die sich selbst als Volontäre engagieren.
Masabeu erzählt von einer weiteren Aktivität speziell in den Sommerferien: Einen Monat lang trifft man sich montags bis freitags um Neun in Braval und besucht dann gemeinsam Sehenswürdigkeiten, Ausstellungen oder Museen in Barcelona oder man unternimmt Ausflüge in die Umgebung. Dazwischen erhalten die Jungen außerdem Englisch- und Informatik-Unterricht. In den letzten Jahren haben zwischen achtzig und hundert Jugendliche an diesen Sommerkursen teilgenommen
Auf Tuchfühlung mit den Realitäten – und mit Gott
Eine relativ neue Aktivität von Braval richtet sich nicht an die Jugendlichen aus dem Viertel, sondern als Fortbildung an die Volontäre: Seit vier Jahren finden regelmäßige Arbeitsessen mit Vortrag und Diskussion statt. Als Referenten und Podiumsgäste werden Experten unterschiedlicher Richtungen eingeladen, die etwas zum Themenbereich Migranten beitragen: Politiker, Journalisten, Unternehmer, Gewerkschafter, Erziehungsexperten, Vertreter von Kirche, Wohlfahrtsorganisationen oder auch bekannte Persönlichkeiten aus dem Viertel. Josep Masabeu: „Für uns in Braval sind solche Gespräche nützlich, damit wir stets auf Tuchfühlung mit den Realitäten bleiben, uns aus der Sicht von Außenstehenden kritisch überprüfen und rechtzeitig reagieren können.“ Inzwischen haben 33 Fortbildungen mit 154 Gästen stattgefunden.
Am Ende des Gesprächs zeigt mir Josep Masabeu in der Hauskapelle von Braval ein Exemplar von „Christus begegnen“. Jemand hat in dem Band mit Homilien des heiligen Josefmaria einen Abschnitt dick angestrichen: „Der Herr kam, um allen Menschen den Frieden, die Frohbotschaft und das Leben zu bringen. ... Es gibt nurmehr ein Volk: das Volk der Kinder Gottes. Es gibt nur noch eine Hautfarbe: die Hautfarbe der Kinder Gottes. Und es gibt nur noch eine Sprache: eine Sprache, die zum Herzen und zum Verstand spricht, ohne Worte, aber so, daß sie uns Gott erkennen lässt und uns anhält, einander zu lieben.“ (Nr. 106)
SERVICE
HEILIGER JOSEFMARIA
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23.05.2013

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